Horst Bläsig (FuWo): Nach Corona werden wir ganz anderen Problemen gegenüberstehen

Horst Bläsig, Chefredakteur der Berliner »Fußball-Woche«, hat in seiner langen und erfolgreichen Karriere wahrscheinlich schon fast alles erlebt: Drucker-Streiks, erkranktes Personal, technische Probleme beim Druck der Zeitung oder auch bei der Auslieferung, u.v.m.. Aber eben nur fast alles.

Das Wochenende vom 13. bis 15. März 2020 setzte neue Maßstäbe, die Horst Bläsig wohl so schnell nicht vergessen wird. Im Zuge der Corona-Krise wurde am Freitagnachmittag der gesamte Fußballbetrieb – Amateure wie Profis – abgesagt. Eine völlig neue Herausforderung für einen Chefredakteur, der auf Termin eine Zeitung mit lesenswerten Inhalten zu füllen hat. Wir sprachen mit Horst Bläsig und stellten ihm die Frage: »Wie haben Sie das gemacht, Herr Bläsig?«

Stündlich neuer Sachstand

Ein roter Löwe auf der Brust, Autor Bläsig signiert

Horst Bläsig, Buchautor und Chefredakteur der Berliner Fussball-Woche

Kabine: Hallo Herr Bläsig, am Freitag, 13. März 2020, standen Sie plötzlich vor einem völlig neuen Problem. Die Entscheidung, aufgrund des kursierenden Corona-Virus den ganzen Fußballbetrieb abzusagen, entzog Ihnen quasi die Grundlage Ihrer Arbeit. Wie haben Sie jene schicksalhafte Woche erlebt?

HB: Nun, diese Woche war von ziemlicher Unruhe geprägt. Quasi stündlich schwirrten neue Nachrichten herein, die einen neuen Sachstand verkündeten. Bis Freitagnachmittag standen ja die Spiele im Amateurbereich nicht in Frage, bevor es dann doch zu einer Generalabsage kam. Wir hatten im Lauf der Woche schon auf die Situation reagiert und drei bis vier verschiedene Seitenpläne erstellt. Am Ende wurde es dann eine »Notausgabe«.

Kabine: Wie sah diese »Notausgabe« aus?

HB: Wir haben die Verantwortlichen der jeweiligen Spielklassen – Oberliga bis in die Kreisligen – losgeschickt. Sie sollten den aktuellen Stand dokumentieren und jeweils Stimmen und Stimmungsberichte bei Spielern, Trainern und Vereinsverantwortlichen sammeln. So konnten wir im Prinzip aus dem Nichts und ohne aktuellen Spielbetrieb ein Heft auf die Beine stellen. 

Viele positive Reaktionen

Fussball-Woche-Titel April 2020 Copyright Fussball-Woche

FuWo-Titel vom 6. April 2020

Kabine: Nun sind schon ein paar Wochen fußballlose Wochen ins Land gegangen. Sie konnten sich auf diese missliche Situation einstellen. Wie sehen die aktuellen Ausgaben der »Fußball-Woche« jetzt aus?

HB: Natürlich halten wir unsere Leser ständig auf dem Laufenden. Auf der anderen Seite bieten wir ihnen Serien und andere Schmankerln an. Da ist zum Beispiel die Serie »Berliner Legenden«, die sich mit Fußball-Helden der neueren Berliner Fußballgeschichte beschäftigt. Wir haben unseren Lesern jetzt schon Pantelic, Marcelinho oder Sven Beuckert präsentiert. Dann gibt es noch eine große Serie zu den Berliner Fußballvereinen – ob noch aktiv oder schon aufgelöst. In der aktuellen Ausgabe (Mo, 6. April 2020, Anm. die Red.) haben wir eine Seite über den S.C. Berliner Amateure im Heft. Besonderes Highlight dieser Geschichte ist ein Mannschaftsfoto aus dem Jahr 1922.

Diese FuWo-Serie ist in Zusammenarbeit mit dem Sportjournalisten Hardy Grüne entstanden. Der Umfang dieser Club-Serie ließe sich im Ernstfall über einige Monate strecken. Ab sofort haben wir auch das FuWo-Archiv geöffnet und legen jetzt jedem Heft vier Seiten aus alten FuWo-Ausgaben bei. In der aktuellen Ausgabe ist es ein Nachdruck aus dem Jahr 1975. Die Themen sind immer berlinbezogen. In dieser Ausgabe geht es um die Amateurliga, damals die zweithöchste Berliner Spielklasse.

Kabine: Haben Sie schon ein Echo auf die aktuelle Situation bzw. Ihre gegenwärtigen Ausgaben erhalten?

HB: Ja, da gab es schon einige positive Rückmeldungen. Clemens Krüger, lange Jahre Manager beim FSV Frankfurt, hat unsere Ausgaben explizit gelobt. Das freut uns. Die vielen Reaktionen haben uns gezeigt, dass die »Fußball-Woche« ein wichtiger Bestandteil des Berliner Fußballgeschehens ist. Und das macht uns schon ein wenig stolz.

Gleichwohl dürfen wir uns von diesen positiven Reaktionen nicht blenden lassen. Der reguläre Spielbetrieb auf den Berliner Fußballplätzen und unsere Berichterstattung über die Spiele aller Klassen ist das A und O für unsere »Fußball-Woche«. Da dürfen wir uns aber auch gar nichts vormachen. Ohne Spielbetrieb droht der Abverkauf der Hefte spürbar zu sinken und das bedroht auf Dauer die Existenz der »FuWo«.

Corona ist für die »FuWo« existenzbedrohend

Marcus Ahlbeck, Horst Bläsig, Göteborg, Gamla Ullevi

Dem Fußball fest verbunden: Horst Bläsig, »hinter den Kulissen« im Gamla Ullevi, Göteborg, hier mit Marcus Ahlbeck

Kabine: Neulich war im Tagesspiegel ein umfassender Artikel über die gegenwärtige Situation der FuWo zu finden. Stefan Hermanns, der die Berliner Szene wie seine Hosentaschen kennt, hat die augenblickliche Situation absolut auf den Punkt gebracht. Positiv: Ihr Blatt erfährt Solidarität sowohl von Vereinen, wie von Lesern. Ein Leser hat gelobt, sich aus reiner Sympathie jetzt jeden Montag gar zwei Hefte zu kaufen. Vereine rufen zu Spenden auf.

HB: Ja, das war schon beeindruckend. In einer bedrohlichen Lage, Hilfe zu erfahren, das tut auf jeden Fall gut. Werner Natalis, der Präsident von Sparta Lichtenberg hat als erster geschrieben 100 Euro gespendet und zur Unterstützung der FuWo aufgerufen. Und in der Tat, an jenem Wochenende kamen via Whatsapp diverse Überweisungsbelege von Spenden für die »Fußball-Woche«. Die Hilfsbereitschaft der Berliner Fußballgemeinschaft ist sehr groß. Dafür können wir uns auch nur bedanken.

Kabine: Wie hat sich Ihr persönliches Leben durch den Fußball-Stopp durch die Corona-Krise verändert? Plötzlich scheint doch alles anders zu sein?

HB: In der Tat, ohne Fußball herrscht am Wochenende eine gewisse Leere. Im Moment erscheint es noch, wie z.B. in einer Winter- oder Sommerpause. Ich möchte mir im Augenblick nicht vorstellen, wie sich die Sache nach den acht, zehn oder zwölf Wochen verhält, die noch folgen.

Es gab wohl keine Alternative

Stadio Giuseppe Meazza, Milano

Stadio Giuseppe Meazza, Milano: Brutstätte des Corona-Virus?

Kabine: Dann stellen wir mal die Gegenfrage: Ist es ok, dass alles ruht?

HB: Die große Frage ist: Gab es eine andere Wahl? Spielbetrieb mit Zuschauern? Ich erinnere da beispielsweise an das CL-Spiel Atalanta Bergamo vs. Valencia CF in Mailand. Da drängten sich 45.000 Zuschauer im Stadion. Möglicherweise der Beginn dessen, was sich heute in Bergamo abspielt. Im Rückspiel in Valencia, das schon vor leeren Rängen stattfand, sollen sich etliche spanische Spieler möglicherweise angesteckt haben. Zweikämpfe = Körperkontakt.

Beim Amateurfußball spielen die Zuschauer nicht die große Rolle. Die Zweikämpfe und der Körperkontakt bleiben. Insofern gab es wohl keine Alternative als diese Generalabsage. Die große und brennende Frage ist allerdings: Wie lange wird dieser Zustand anhalten?

Kabine: Abgesehen von der veränderten Grundlage, Ihre Zeitung zu erstellen, wie hat Corona Ihr Leben verändert?

HB: Vor allen Dingen das Arbeitsleben hat sich verändert. Früher waren wir jeden Tag in der Redaktion und haben das Heft vorbereitet. Jetzt sind wir nur noch an zwei Tagen – Freitag und Sonntag – vor Ort. Wir arbeiten von zuhause. Unsere Firmenstruktur ermöglicht uns das glücklicherweise. Wir können auch außerhalb der Redaktionsräume auf die Seiten, etc. zugreifen. Insofern gibt es keinerlei Probleme mit der Produktion. Ein angenehmer Nebeneffekt ist die Tatsache, dass sich die Arbeit zuhause ganz anders einteilen lässt. Was spricht dagegen, bei diesem wunderbaren Wetter am Nachmittag eine Stunde rauszugehen und die Arbeitszeit auf abends 20 Uhr zu verlagern?

Zusammenfassend kann ich sagen, dass sich das Gesicht der »Fußball-Woche« im Moment grundlegend verändert hat. Von einem Blatt, bei dem die Aktualität des Spielbetriebes ganz oben stand, haben wir uns mehr in den Bereich eine Magazins gewandelt. Das ist eine neue inhaltliche Herausforderung, der wir uns gerne stellen.. Wir müssen zwischen Stamm- und Gelegenheitslesern unterscheiden. Die Stammleser werden uns auch jetzt erhalten bleiben. Ob das auch bei den Gelegenheitslesern der Fall sein wird, das bleibt abzuwarten.

Die Aktualität des Spieltags hat immer Priorität

Fieberwahn: Money Makes The World Go Round

Money makes the world go round …

Kabine: Kann sich dieser Wandel bezüglich des Heftinhalts auch auf die Zeit nach Corona auswirken?

HB: Die Spieltagsaktualität wird aus besagten Gründen immer ganz oben stehen. Allerdings wird es einen »magazinigeren Touch« der Fußball-Woche auch nach Corona geben.

Kabine: Wenden wir uns dem großen Fußball zu. Wie wird sich Corona auf das Big Business »Fußball« auswirken?

HB: Ich denke, der Fußball wird sich massiv verändern. Die große Blase, die sich in den letzten Jahren gebildet hat, wird möglicherweise platzen. Das hat zur Folge, dass die übermäßigen Gelder, die  fließen bzw. geflossen sind, sich auf ein erträglicheres Maß reduzieren. An dieser Stelle sei ein Mesut Özil genannt, der dem Vernehmen nach pro Woche 400.000 Euro verdienen soll.

Kabine: Interessant war auch die Meldung, dass von den 36 DFL-Clubs bis Ende Juni 13 akut von einer Insolvenz betroffen sein könnten. Dies zeugt nicht unbedingt von solidem Wirtschaften.

HB: Da haben wirklich einige Vereine schon weit vor Corona ohne Netz und doppelten Boden gewirtschaftet. Das kann man nicht gutheißen. Die andere Seite der Medaille: Wenn der gegenwärtige  Zustand noch länger anhält, dann könnten auf einen Schlag viele traditionsreiche Clubs auch unverschuldet von der Bildfläche verschwinden. Zum einen ein großer Verlust für die Fußballszene und Fans, auf der anderen Seite viele verlorene Arbeitsplätze.

Hier muss man auch über den Tellerrand 1. und 2. Liga, die unter dem Dach der DFL agieren, hinaus blicken. Für die Clubs der 3. Liga ist diese Situation noch deutlich prekärer. Während 1. und 2. Liga zur Not Geisterspiele durchführen könnten, die zumindest das TV-Geld einspielen, sieht es eine Etage tiefer ganz düster aus. Die Vereine erhalten kaum Fernsehgeld und wären ohne Zuschauer aufgeschmissen. Hier sind DFL und DFB gefordert, die Clubs der 3. Liga und auch der Regionalligen zu unterstützen. Ansonsten bleibt die sogenannte Solidarität eine leere Worthülse.

Nach Corona: Großer Etat, große Probleme

Horst-Eckel-Tor, Betzenberg, kaiserslautern

Einst kamen fünf Weltmeister vom 1. FCK. Heute spielt der Club in Liga 3 und hat große finanzielle Sorgen

Kabine: Stichwort 3. Liga. Da fällt der 1. FC Kaiserslautern auf, der sich in den letzten Jahren hoch verschuldet hat. Lässt der DFB die Neun-Punkte-Strafe-Regel für Insolvenzen fallen, möchte sich der 1. FCK mittels einer Insolvenz von seinen finanziellen Problemen befreien. Traditionsverein hin oder her: Ihre Meinung dazu?

HB: Das ist eigentlich nicht Sinn der Sache. Es sollte jeder die Suppe auslöffeln, die er sich selbst eingebrockt hat.

Kabine: Sie haben eben die Regionalligisten ins Spiel gebracht. Wie werden Vereine wie Nordost-Regionalligist Lichtenberg 47, die einen schmalen Etat haben, mit der neuen Situation klar kommen?

HB: Ich denke, die Clubs mit einem schmalen Etat wie Lichtenberg, werden die Sache eher meistern können. Definitiv größere Probleme sehe ich da bei Clubs wie Lok Leipzig, die einen großen Etat schultern müssen. Wir müssen davon ausgehen, dass nach dieser Corona-Krise die Sponsoren-Gelder längst nicht mehr so fließen werden wie bisher. So manch Handwerker oder Mittelständler wird sich um die Sicherung seiner Existenz kümmern müssen. Da bleibt kein Geld übrig, um den Fußball großartig zu unterstützen. Die Spieler und Vereinsverantwortlichen werden akzeptieren müssen, dass da in Zukunft nicht mehr soviel Unterstützung zu erwarten sein wird.

Gesellschaftliche Akzeptanz des extrem kommerzialisierten Fußballs hat abgenommen

SV Lichtenberg 47

Neu-Regionalligist Lichtenberg 47: Mit schmalem Etat die Krise eher meistern …

Kabine: Sind wir mal ehrlich, eine Chance für den Fußball, sich neu zu positionieren. Was in den letzten Jahren finanziell abging, das war doch niemand zu vermitteln. Da flossen Summen. Das war doch schon unanständig.

HB: Das ist richtig. Die gesellschaftliche Akzeptanz des extrem kommerzialisierten Fußballs hat in den letzten Jahren deutlich abgenommen.

Kabine: Kommen wir noch einmal zur »FuWo« zurück. Wie ist Ihre Planung? Dieser Tage kam von Regierungsseite eine Marke: Bis 31. August sollen Großveranstaltumgen nicht gestattet sein. 

HB: Keiner weiß im Augenblick, was wirklich kommen wird. Das ist das Problem. Wir müssen die nächsten Monate überstehen. Dies betrifft hauptsächlich die finanzielle Seite. Und das ist eine absolute Herkules-Aufgabe. Geht diesem Jahr überhaupt noch was? Geht es nach den Sommerferien vielleicht wieder los? Viele Fragen, keine Antworten.

Sollten die Profi-Ligen in absehbarer Zeit mit Geisterspielen starten, so könnten die Clubs dadurch wenigstens die TV-Gelder einspielen. Für uns würde das heißen, Hauptsache, es passiert etwas.

Und dann bleibt ja immer noch die große Frage: Was passiert mit der laufenden Saison? Für mich gibt es augenblicklich eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Saisonabbruch und Aussetzung von Meisterschaft und Abstieg. Die zweite Alternative: Wir nehmen im nächsten Jahr im März diese Saison an dem Punkt auf, an dem sie abgebrochen wurde. Dann kann die Spielzeit in Ruhe zu Ende gebracht werden. Und für das Jahr 2020 gäbe es dann eben keine Meister.

Maß halten und gesunden Menschenverstand walten lassen

Kabine: Da hören wir schon den Aufschrei der aktuellen Tabellenführer, die sich teilweise schon als Meister wähnen …

HB: Ganz ehrlich, wenn sich ein Club wie der MSV Duisburg (derzeit Tabellenführer 3. Liga), am 27. von 38 Spieltagen aufgrund eines Drei-Punkte-Vorsprungs als Meister und Aufsteiger wähnt, fehlt mir dafür das Verständnis. Aus einer Platzierung nach rund zwei Dritteln der Saison, lässt sich kein Aufstiegsanspruch ableiten. Wenn wir über einen Saisonabbruch reden, wird es sicherlich einige bittere Härtefälle geben. Ich denke da beispielsweise an Arminia Bielefeld. Das Team spielt eine tolle Saison, steht zu recht da oben und hätte wahrscheinlich den Aufstieg verdient. Das wäre für Verein und Mannschaft bitter, aber eine optimale Lösung gibt es nicht. Wahrscheinlich ist ohnehin mit einer Klagewelle zu rechnen, weil sich wieder viele zu unrecht behandelt fühlen.

An dieser Stelle sei an die Vereine appelliert, in dieser Angelegenheit Vernunft und gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Ich denke, nach Corona werden wir ganz anderen Problemen gegenüberstehen. Und da werden wir feststellen müssen, dass es gesamtgesellschaftlich gesehen nicht die brennendste Frage ist, ob Arminia Bielefeld in der Bundesliga oder in der 2. Liga spielt.

 

 

Foto Credits: Der Titel der »FuWo« wurde uns freundlicherweise von der Fußball-Woche Verlagsgesellschaft zur Verfügung gestellt
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