Kult-Club: Hammarby IF – Fotboll

Fußball im hohen Norden – in unserem Fall in der schwedischen Hauptstadt Stockholm – kann eine heiße Sache sein. Drei große Clubs – AIK Solna, Djurgårdens IF und Hammarby IF –  buhlen um die Gunst des Publikums. Die Konkurrenz unter den Vereinen hat es durchaus in sich. So erzählte der deutsche Profi Jan Tauer, der bei Djurgårdens IF unter Vertrag stand, dass ihn ein Restaurantbesitzer – ein Fan von Hammarby IF – abwies, da er für den Lokalrivalen Djurgårdens IF am Ball war. In der Saison 2006 eskalierte das Lokalderby Hammarby IF vs. Djurgårdens IF, das im Söderstadion, damalige Heimstätte von Hammarby, ausgetragen wurde. Kurz nach der Halbzeit, die Gäste hatten die Gastgeber sportlich schon kräftig demontiert, flogen im Söderstadion die Fetze. Spielabbruch! Fortan mussten alle Stockholmer Derbys aus Gründen der Sicherheit unter der Ägide des schwedischen Verbandes im inzwischen abgerissenen »Råsunda Stadion« ausgetragen werden.

Grün-Weißer Kult Club

Hammarby IF, Söderstadion

Abstiegsendspiel: Hammarby Fans vor dem entscheidenden Spiel HIF – AIK, nach diesen 93 Minuten stand Hammarby Abstieg fest

Södermalm verheißt alternatives Lebensgefühl. Hier ticken die Uhren anders als im vornehmen Stadteil Östermalm, der Heimat von Djurgårdens IF, oder in der Stockholmer City. Södermalm ist das Zuhause von Hammarby IF. Unter Eingeweihten geht Hammarby IF auch als die »Bajen«. Der Name geht auf ein Wortspiel aus alten Tagen zurück: Hammarby – Hammarbay. Die Bajen-Fans sind mit über 5000 Mitgliedern die größte Supportervereinigung Schwedens.
Hammarby IF (Idrottsförening, deutsch: Sportverein) wurde 1889 als Hammarby Roddförening (Ruderverein) gegründet. Im März 1897 wurde der Club in Hammarby IF umbenannt. Fußball wird seit 1915 gespielt. Das team gehörte 1922 zu den Grüdungsmitgliedern der Allsvenskan, stieg aber ein Jahr später schon wieder ab. Seither pendelt Hammarby IF zwischen erster und zweiter Liga: Letzter Abstieg in die Superettan in der Saison 2009, letzter Aufstieg in die Allsvenskan am Ende der Spielzeit 2015. Am letzten Spieltag der Saison 2018 vergeigten die Grün-Weißen die Teilnahme an den europäischen Wettbewerben. Die Kollegen von Malmö FF dürfte dies gefreut haben. Sie rückten nach.
Hammarby IF konnte bislang nur einmal, in der Saison 2001, den Meistertitel feiern. In den Spielzeiten 1922, 1983 und 2003 reichte es zur Vizemeisterschaft. Darüber hinaus erreichten die Grün-Weißen 1977, 1983 und 2010 das schwedische Pokalfinale, blieben aber ohne Pokalsieg.

Hammarbys Bester

Fünf Minuten vom Söderstadion liegt der Skogskyrkogården, ein großer, wunderschöner Waldfriedhof. Hier ruht Hammarbys wohl Größter: Karl Lennart, genannt »Nacka«, Skoglund, der ohne Zweifel zu den besten Fußballern gehört, die Schweden je hervorgebracht hat. Skoglund, WM-Teilnehmer 1950 und 1958 (Torschütze im Halbfinale gegen Deutschland), wechselte nach Italien und wurde mit Inter Mailand zweimal italienischer Meister. 1964 kehrte er zu Hammarby zurück. Als »Nacka« Skoglund am 8. Juli 1975 im Alter von nur 45 Jahren starb, war er ein einsamer und gebrochener Mann. Karl Lennart Skoglund reiht sich nahtlos in die Reihe der großen Fußballspieler ein, die die Reibung mit dem richtigen Leben nicht ertragen konnten und schließlich daran zugrunde gingen.
Neben dem genialen »Nacka« Skoglund gab es bei Hammarby auch noch »Svenne Berka«, den Universellen.Und auch dessen Geschichte ist mehr als bemerkenswert. Sven „Svenne Berka“ Bergqvist wurde 1914 in Stockholm geboren. Er wuchs in Södermalm auf. Mit 16 hütete er bereits das Tor der Hammarby-Bandy-Herren. Nur ein Jahr später spielte er im Hammarby-Eishockey-Team und hütete auch noch das Tor der Hammarby-Kicker. Bergqvist bestritt 35 Länderspiele für Schweden. 1936 war er gar zweifacher Olympiateilnehmer. Im Winter mit dem Eishockeyteam, im Sommer mit den Fußballern.
Nach einem Autounfall 1955 war er an den Rollstuhl gefesselt. Er begann mit dem Bogenschießen und sollte bei den Paralympics 1960 an den Start gehen. Da er alles aus eigener Tasche bezahlen sollte, verzichtete er auf eine Teilnahme. Bleibt nur noch anzumerken, dass Bergqvist auch ein Kandidat für das schwedische Handballteam war, was er aber ablehnte. Darüber hinaus hätte er auch der erste schwedische Auslandsprofi werden können. Racing Paris wollte ihn haben, Bergqvist lehnte ab. 1999 wurde er in die International Hockey Hall of Fame aufgenommen. Was für eine Karriere! »Svenne Berka« starb am 16. Dezember 1996 im Alter von 82 Jahren.

Kult-Club – Kult Stadion

Heimat der Hammarby-Fußballer war über mehr als 40 Jahre das Söderstadion. In Johanneshov, neben dem Ericsson Globe, einer großen Veranstaltungshalle und dem Hovet (Eisstadion) lag das Stadion, eingebaut zwischen Bürohäusern. Auf den ersten Blick sah das alles sehr merkwürdig und rudimentär aus. Alte Holzbänke und hinter dem einen Tor nur eine provisorische Stahlrohrtribüne. Und das sollte nun ein Hexenkessel sein? Allerdings: Ein englischer TV Sender führte eine Untersuchung zum Thema »Stadien und Atmosphäre« durch. Das Söderstadion landete dabei auf Platz 11, Auf Platz elf, hinter dem Karaiskaki und dem Feyenoord Stadion. Ein Besuch im Söderstadion schaffte Aufklärung.

Klein – aber intensiv

Klein, fein, inzwischen aber leider abgerissen: Das Söderstadion, ehemals Heimstätte von Hammarby IF

Die Begründung, warum das Söderstadion zu den stimmungsvollsten europäischen Arenen gehören soll, ist so einfach wie einleuchtend. Auch wenn es zu den kleinen Stadien zählt, so ist es schlichtweg die Intensität der Fans, die überzeugt. An jenem Abend, an dem wir das Söderstadion erstmals besuchen, trifft Hammarby in der Superettan auf Jönköpings Södra. Es ist ein Montagabend im Oktober, kurz vor Ende der Spielzeit. Die Saison ist für die Grün-Weißen bescheiden gelaufen. Sowohl Jönköping, als auch Hammarby stehen mächtig unter Druck – ein Abstiegsrelegationsplatz droht. 9000 Zuschauer (für die Superettan eine tolle Zahl, in der Saison 2011 lag der Schnitt bei rund 2400 Zuschauern pro Spiel) kommen, um ihr Team zu unterstützen. Das Getöse geht schon weit vor Spielbeginn los. Die Zuschauer sind gnadenlos. Sie verzeihen der eigenen Mannschaft auch die gröbsten Schnitzer und brüllen sie am Ende zu einem 5:2-Sieg. Doch das Zittern ist noch nicht vorbei. Erst eine Woche später wird Hammarby IF beim Gastspiel bei Allsvenskan-Aufstiegskandidat Ängelholms FF  der Abstiegsrelegation entgehen. Am 22. Oktober 2011 verfolgen rund 3500 Zuschauer das Gastspiel von Hammarby in Ängelholm. Das Spiel bietet Hochspannung bis zum Schluß. Nach genau 94 Minuten und 49 Sekunden erlöst ein gewisser Sebastian Bojassén Hammarby IF. Die Abstiegsrelegation ist gebannt. Hammarby wird ein weiteres Jahr in der Superettan spielen. Das glückliche Ende einer grausigen Spielzeit.
Die Spielzeit 2012 sollte dann auch eine ganz besondere sein. Es war die letzte Saison, die im Söderstadion gespielt wurde. Gleich nebenan entstand die neue Tele 2 Arena, eine moderne Fußball-Arena, wie sie heutzutage dem Fußball-Fan als Nonplusutra angepriesen wird. Seit 2013 ist die Tele 2 Arena die Heimstätte von Hammarby IF und dem großen Lokalrivalen Djurgårdens IF.

 

Alle Fotos auf dieser Seite: ©edition Alaska/Die Sprecherkabine