Toni Turek »Fußballgott«

Denken wir an den WM-Titel 1954, dann stehen eigentlich fast immer die Namen Fritz Walter und Sepp Herberger in erster Reihe. Dazu gesellt sich in der Regel noch Helmut Rahn, der die Rolle des Siegtorschützen belegt und nebenbei auch noch das Bad-Boy-Image bedient. Obwohl Torhüter Toni Turek im Finale aufgrund seiner großartigen Leistung von Radio-Reporter Herbert Zimmermann in den Stand eines «Fußballgottes« erhoben wurde, war er in der Öffentlichkeit nie so präsent, wie sein Mitstreiter Fritz Walter. Das lag sicherlich auch an seiner Persönlichkeit, die nie nach übermäßiger Aufmerksamkeit strebte. Autor Werner Raupp begibt sich mit seinem Buch auf die Spur des WM-Torhüters von 1954 und beleuchtet dessen Leben ausführlich.

Das Buch liest sich gut weg. Neben der Biographie des Torhüters erfährt der Leser auch noch etwas über deutsche Geschichte von 1919 bis hinein in die achtziger Jahre. Toni Turek wurde in dramatische Zeiten hineingeboren. Kindheit in der Weimarer Republik, Jugend im Dritten Reich und seine besten Jahre immer im Wechsel zwischen Feld der Ehre und Fußballfeld – die Gefahr eines frühen Todes auf dem Schlachtfeld war dabei immer präsent. Wahrscheinlich kann sich das heute in Zeiten von Nachwuchsleistungszentren und sonstigen Vergünstigungen kaum noch einer vorstellen. Unter diesen Umständen ist es dann allerdings noch erstaunlicher, wie junge Sportler damals derartige Topleistungen abrufen konnten. Leider ist – laut Autor Werner Raupp – das Archivmaterial von Tureks frühen Tagen sehr übersichtlich. Was der Autor ausgegraben hat, das reicht dennoch, um ein Bild von Toni Tureks Leben und dieser Zeit zu gewinnen.

Interessant ist auch, dass Toni Tureks Fußballkarriere von starken Leistungsschwankungen geprägt war. Da gab es öfter mal ein Gurkenspiel oder ein paar Aussetzer. Dazu kamen Tureks Spasseinlagen. Für einen Disziplinfanatiker wie den damaligen Bundestrainer Sepp Herberger muss dies starker Tobak gewesen sein. Dennoch hielt er – aus diversen Gründen, wie wir bei der Lektüre erfahren –  an seinem Torhüter fest. Spätestens im Viertelfinale (gegen Jugoslawien) und im Finale gegen die scheinbar übermächtigen Ungarn hat dies der Torhüter seinem Trainer gedankt. Und noch ein Wort zum »Fußballgott«: Wie Werner Raupp im Buch schreibt, soll Reporter Herbert Zimmermann für diesen Ausdruck (in der damals recht spröden Zeit) gerüffelt worden sein.
Die Karriere von Toni Turek war nach der WM 54 auch recht schnell vorbei. Er war schließlich erst mit 31 Jahren Nationalspieler geworden und war zur Zeit des Finales schon 35 Jahre alt. Danach konzentrierte sich Turek auf seinen Job bei der Düsseldorfer Rheinbahn und kümmerte sich um seine Familie.

Interessant ist auch die Phase nach dem 2. Weltkrieg, in der die großen Clubs aufs Land fuhren und für Naturalien kickten. Das stelle man sich heute mal vor: Der FC Bayern oder der BVB fahren in die Provinz und kommen statt mit einem Scheck mit Kartoffelsäcken, Eiern oder Zwiebelnetzen zurück. Ein amüsanter Gedanke.

Der Autor lässt uns an Toni Tureks durchaus interessantem Leben teilhaben. An manchen Punkten stockt uns der Atem. So, wenn wir über die Zeiten des 2. Weltkrieges lesen müssen. Der Autor nähert sich auch den kritischen Punkten in Toni Tureks Leben an. So spart er auch die Dopinggeschichte, die sich um den WM-Titel der deutschen Mannschaft rankt, nicht aus. Mit »Toni Turek »Fußballgott« ist Werner Raupp ein schönes Buch gelungen, das dem WM-Torhüter von 1954 ein Denkmal setzt. Ergänzend zum Buch gibt es auch noch eine Website: Auf www.toni-turek.info kann man sich in aller Ruhe durch das Leben des WM-Torhüters von 1954 klicken.

Das Toni-Turek-Buch ist im Arete Verlag, Hildesheim erschienen. Verlagsleiter Christian Becker hat ein schönes und interessantes (auch außerhalb des Themas Fußball) Buchprogramm zusammengestellt. Ein Blick ins Verlagsprogramm lohnt sich also auf jeden Fall.

 

 

Toni Turek Fußballgott, Arete VerlagWerner Raupp

Toni Turek »Fußballgott«- Eine Biographie

212 Seiten, Format ca. 14 x 21,5 cm, Paperback, bebildert

ISBN 978-3-96423-008-9

Preis 16 €