Victor Lochmann: Die Unternehmen werden wahrscheinlich ganz andere Sorgen haben …

Victor Lochmann (Instagram: @victorlochmann19) ist gebürtiger Berliner. Im Alter von einem Jahr wanderten seine Eltern mit ihm nach Ibiza aus. Als Victor Lochmann sieben Jahre alt war, kehrte die Familie nach Berlin zurück. Victor machte seine ersten Fußballerfahrungen beim FV Wannsee. Dann wechselte er zu Hertha 03 in die 1.E Jugend. Bei Hertha 03 trainierte er unter Hardy Neuwald. Drei Jahre später ging es wieder zurück nach Ibiza zu PE Sant Jordi. Nach einem kurzen Aufenthalt beim FSV Babelsberg 74 ist Victor Lochmann wieder zurück auf Ibiza – und arbeitet am Sprung zu seiner Profi-Karriere. Wir hatten die Gelegenheit mit ihm über seine Karriere und seine Pläne zu sprechen.

Mit 14 Jahren in die Sportakademie

Victor Lochmann, Copyright Victor Lochmann privat

Victor Lochmann sucht sein Fußballglück in der Fremde

Kabine: Hallo Victor, wie ist es zu dem Kontakt nach Spanien gekommen?

VL: Ich bin in Ibiza in den Kindergarten und danach auch zur Schule gegangen – der Kontakt nach Spanien war schon da. 2013, mit 14 Jahren, bin ich dann zur Sport- und Schulausbildung in die Hochleistungs-Sportakademie CAR nach Barcelona gewechselt. Da war auch viel Glück dabei. Ich habe Fussball und Tennis gemacht, da man eher über Tennis den Schulplatz bekam.

Kabine: Bei welchen Vereinen hast Du dort gespielt?

VL: Während der Schulausbildung war ich in Schulteams – zu CAR kamen u.a. auch die Spieler des FC Barcelona. Es gab viele Gastspiele von internationalen Mannschaften, bei denen sich Scouts Spieler angesehen haben. Im Tennis war ich in dieser Zeit »Individualsportler«. Ich bin dann nochmal ein Jahr nach Berlin wo ich bei Hertha 03 und beim FSV Babelsberg 74 in der LL Nord Brandenburg gespielt habe. Dort konnte ich sehr gute Ergebnisse erzielen – stand oft in der Presse und hatte eine gute Torquote. Allerdings habe ich dreimal wegen Nichtigkeiten die rote Karte bekommen. Meckern, etc.. Einmal hat mir sogar der gegnerische Trainer nach dem Spiel gesagt, dass er die »Rote« nicht versteht. Ich war dann frustriert und dachte, die spielen eben Mädchenfussball. Da ich perfekt spanisch spreche, habe ich dann bei UD Ibiza angerufen und gesagt, ich komme wieder nach IBZ und gefragt, ob ich da mal vorspielen darf.
Sie haben mir dann gesagt, dass ich zuerst eine Teilsaison in der Liga Regional spielen soll, damit sie sich ein Bild über meinen Leistungsstand machen können. Ich bin der einzige deutsche Spieler dort. Mittlerweile bin ich auch wieder öfter hier als Spieler in der Presse und warte auf die Entscheidung.

Akademie auch im Behindertensport ganz weit oben

Kabine: Als Du in der Akademie in Barcelona warst, hast Du da mit Leuten gespielt, die heute in der Primera Division spielen oder kurz davor stehen?

VL: Auf dieser Akademie hatte ich den Schwerpunkt Tennis, weil ich darüber reingerutscht bin. Fussball war für mich der Nebensport. Aber die Akademie war eben 24 Stunden Sport. Eine Hochleistungsakademie – wer in Spanien etwas mit Sport zu tun hat, kennt diese Schule CAR in Sant Cugat (BCN). Alle Verbände schicken ihre Spitzensportler (Jugend) dahin. Die machen da dann ja auch Abitur. Es wurden dort z.B. Sichtungsturniere von ausländischen Fussball-Mannschaften gemacht. Da kamen viele Scouts. Neymar, Messi und Piquet waren auch gelegentlich da – da diese Schule eine Top-Physio-Abteilung hat. Im Behinderten-Leistungssport ist sie auch ganz oben.

International hat für mich Vorrang

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Victor Lochmann (li.) im Einsatz …

Kabine: Hast Du bei Ibiza UD einen richtigen Profivertrag oder gehst Du auch noch arbeiten/studieren?

VL: Nein, ich arbeite noch stundenweise im Sport- & Fitnessbereich und will zunächst zwei Trainerscheine für allgemeinen Sport abschliessen. Ich sollte auch noch bei einem Deutschen Wirt in Santa Eulalia samstags die Veranstaltungsreihe »Bundesliga TV« betreuen. Hier mache ich Promo und bekomme das auch bezahlt. Durch die Corona-Krise steht das mit der Bundesliga jetzt allerdings still.

Kabine: Welche Position spielst Du?

VL: Ich bin Flügelspieler, Mittelfeld bis Angriff.

Kabine: Hattest Du auch Angebote aus Deutschland?

VL: Es gab zu meiner Zeit beim FSV Babelsberg schon Angebote. International hat für mich Vorrang. Ich werde mich aber, je nach Stand, auch nach höheren Ligen umschauen. Derzeit gibt es einen Scout, der für die bulgarische 1. und 2. Liga sucht, und mit mir in Kontakt ist – Ende aber offen.

Konnte nie feststellen, dass es keinen Trainer gab

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Victor Lochmann und UD Ibiza auf dem Weg nach vorne …

Kabine: Du kennst beide Seiten. Wo siehst Du im Jugendbereich den Unterschied zwischen Spanien und Deutschland?

VL: Viele Sportanlagen sind Schulen »angedockt« oder werden von diesen mitgenutzt. Da ist man oft nach der Schule dann gleich da – beim Verein – manchmal teilen sich zwei oder drei Vereine eine Anlage. Die Förderung durch den Staat ist recht gut/hoch weil Spanien in vielen Disziplinen ja eine »Sportnation« ist. Im Jugendbereich erhalten ältere Spieler aus höheren Mannschaften, die nicht in einer Profiliga sind, etwas Geld, wenn sie als Trainer oder Assistent arbeiten. Dadurch konnte ich auch nie feststellen, dass es keinen Trainer gab. Eher waren es manchmal der Haupttrainer rund zwei Assistenten. Auch im Jugendbereich gibt es immer gute Zuschauerzahlen – da ist dann Familie. Fahrtkosten der Mannschaften zu Spielen mit Bus etc. übernehmen der Staat oder die Stadt. Dies betrifft z. B. auch die Fähre zur Nachbarinsel Formentera. Nach dem Spiel essen die Jugend-Mannschaften meist noch kostenfrei beim Gegner. Die Motivation der Spieler ist in Spanien höher, da sie keine Winterpause haben. Ansonsten sind natürlich viele Sachen gleich – etliche brechen irgendwann ihre Spielerkarriere wegen Beruf und/oder Ausbildung ab.

Kabine: Was ist besser in Spanien bzw. D?

VL: In Deutschland, denke ich, ist die Ausbildung der Trainer bzw. die Angebote für Lehrgänge besser. Da ist Deutschland ja immer gut organisiert, nicht nur beim Sport. In Spanien wird an 364 Tagen trainiert und gespielt. Es gibt eine hohe Eigenmotivation und auch die Leute machen als Mannschaft ausserhalb der Spiele/Training mehr zusammen. Treffen Abends oder samstags zusammen an den Strand.

Kabine: Gleiche Frage bei den Erwachsenen?

VL: Das kann man fast übernehmen, bis auf das Thema »Fahrtkosten und Essen« und ein paar spezielle Jugendthemen. Die Treffen bei den älteren Spielern gehen bis in die Nacht.

3. Liga in Deutschland »straffer« organisiert

Victor Lochmann, Copyright Victor Lochmann privat

Victor Lochmann: Aktueller Arbeitsplatz Estadio »Can Misses« Ibiza

Kabine: Wo würdest Du das Niveau des spanischen Drittligafußballs ansetzen?

VL: Hinter der 1. und 2. Liga die Ligen lässt sich das schwer vergleichen, da sie unterschiedlich strukturiert sind. Das geht bis hin zu den »Aufstiegsqualis«. Ab der 3. Liga (2a B = Segunda B) ist man immer noch mit zusätzlichen Aufstiegsspielen beschäftigt. Auch als Liga-Erster. In den weiteren Ligen sind das dann »Aufstiegs-Turniere/Qualifikationen« in Gruppen bis zu 16 Mannschaften. Viele große Vereine wie Madrid und Barcelona haben ihre B-Mannschaften schon in höheren Ligen. Die »Erste« und die »Zweite« können aber nie in der gleichen Liga spielen. Spiele gegen die Teams der großen Clubs sind immer ein Highlight. Die Leistungssteigerung von UD Ibiza gegen den FC Barcelona war enorm. Da spielt natürlich der Kopf mit und der Adrenalinspiegel …

Kabine: Wie schätzt Du die deutsche 3. Liga ein? Besser oder schwächer?

VL: Ich glaube, dass aufgrund der anderen Ligenstruktur die 3. Liga in Deutschland stärker ist. Die Liga ist »straffer« organisiert. In Spanien gibt es ja vier Gruppen à je 20 Teams. Das ist schon etwas anderes.

Kabine: Wie sind denn die Zuschauerzahlen?

VL: Das richtet sich nach dem Standort und dem Verein. Vielleicht so 800 bis zu 5000. Bei UD gegen Barcelona waren es dann wohl ca. 10000 Zuschauer. Es hätten auch mehr werden können, aber das extra umgebaute Stadion fasste nicht mehr Zuschauer. Das ist dann bei einem solchen Spiel durchaus ein Problem.
Generell ist die Zuschauerzahl weit höher als ich das in Berlin und Brandenburg erlebt habe. Hier ist das auch oft eine »Familienveranstaltung« (wie bei z.B. bei türkischen Mannschaften in Berlin. Es kommen sehr oft einige Jugendmannschaften fast komplett als Zuschauer und kicken dann dann  in der Pause und nach dem Spiel. Freizeitgestaltung eben. Voraussetzung ist schönes Wetter.

Nach Corona: Wahrscheinlich weniger Sponsoring


Kabine: Wie geht der spanische Fußball mit Corona um?

VL: Alle Spiele sowie das Training abgesetzt sind – das wird, jetzt glaube ich, EU-weit gleich geregelt.

Kabine: Inwieweit betrifft die Corona Krise Deinen Job beim Deutschen Wirt bzw. im Sportbereich?

VL: Im Sport ist das ein Totalausfall. Ich laufe im Wald herum, denn es gibt ja dieses Kontaktverbot und man darf nicht als Gruppe angetroffen werden. Die Polizei macht dann Stress. Die Gastrosache mache ich, da es eine Internetseite ist, weiter. Das Problem ist, dass es kein neues Bildmaterial gibt, etc.. Es geht ja auch keiner raus zum Essen. Der Laden selbst hat eine Imbisslizenz und darf »take away« verkaufen. Für mich ist das ok, da ich eine freie Zeiteinteilung habe. Nur, ich sollte ja die Bundesliga-Samstage mit dem TV da organisieren – das fällt nun weg. Das Geld leider auch.

Kabine: Deine Pläne für die nähere Zukunft?

VL: Meine Zukunftsvision : Ich möchte – so schnell wie möglich – Profi werden. Über mögliche Veränderungen nach oben muss ich mir (wie alle anderen auch) derzeit keine großen Gedanken machen. Im Augenblick gibt es keine Spiele oder sonstige Gelegenheiten, bei denen man sich und seine Leistung präsentieren kann. Ich bin aber guter Dinge für die Zukunft. Wie in Potsdam/Berlin habe ich für meine Leistungen auch hier eine gute Presse bekommen. Der Verein hat mich ja nun erstmal in der 2. Mannschaft eingesetzt. Nun muss ich sehen, wie sich das alles entwickelt. Ich glaube auch, dass sich nach der Corona-Krise einiges leider gravierend verändern wird. Wahrscheinlich wird sich das Sponsoring durch Unternehmen verringern, da die Unternehmen wahrscheinlich ganz andere Sorgen haben werden. Ich hatte eine bekannte Immobilienfirma und einen Autoverleiher in Ibiza als Sponsoren für mich gewonnen. Das hätte allerdings einen funktionierenden Spielbetrieb vorausgesetzt. Leider haben sie nun ebenfalls abgesagt bzw. verschoben. Wir wollen jedoch nicht zu schwarz sehen  Schauen wir einfach mal …

 

Fotocredits: Alle Fotos für diese Geschichte wurden uns dankenswerterweise von Victor Lochmann zur Verfügung gestellt.