Julius Hirsch

Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet. – ein Titel wie Dynamit. Und der Inhalt bleibt auch nichts schuldig. Das Buch ein Lehrstück dafür, wohin ideologische Verblendung führen kann. Am Ende will es dann immer keiner gewesen sein. Wie könnte es auch anders sein. Die Geschichte des Julius Hirsch ist erstaunlich und erschreckend zugleich. Autor Werner Skrentny hat ganze Arbeit geleistet. Jahrelang hat er in dieser Sache recherchiert und ein Buch zusammengetragen, das völlig zurecht die Bezeichnung »Meisterwerk« verdient.

Karlsruhe – Fußballhochburg der frühen Tage

Werner Skrentny führt uns in das Süddeutschland der Jahre zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Stadt Karlsruhe ist damals Mittelpunkt des Fußballs. Gleich zwei Karlsruher Vereine (KFV und Phönix) setzen fußballerische Zeichen. Julius Hirsch spielt für den Karlsruher FV. Übertragen wir die Qualität jener Spieler auf die heutige Zeit würden wir feststellen, dass der KFV-Innensturm jener Tage heute wahrscheinlich unbezahlbar wäre. Förderer, Fuchs, Hirsch – Garanten für das schöne Spiel, für Tore und Siege. Hirsch und Fuchs haben das Problem, jüdischen Glaubens zu sein. Im ersten Weltkrieg dürfen sie noch Leib und Leben für das Vaterland riskieren. Einige Jahre später sieht das dann schon anders aus.
Werner Skrentny hat ganz tief in Archiven gegraben. Was das Buch richtig gut macht ist die Tatsache, dass sich Autor Skrentny nicht nur auf die Kraft des Wortes verlässt, sondern reichlich Bilder in  verschiedensten Archiven aufgetrieben hat, die seine Geschichte illustrieren.

Erst Erfolgsgeschichte …

Zunächst liest sich das Buch wie die Erfolgsgeschichte eines erfolgreichen Sportlers. Auf dem Platz Tore und im Beruf gute Geschäfte. Julius Hirsch steigt in Karlsruhe zum geachteten Nationalspieler auf. Es geht ihm in jeder Hinsicht gut. Er wird 1910 mit dem Karlsruher FV Deutscher Meister. Hirsch wechselt zur Spvgg Fürth, feiert 1914 mit den Franken die zweite Deutsche Meisterschaft. Schließlich unterbricht der 1. Weltkrieg seine Karriere für einige Zeit. Im November 1918 dann das Kriegsende. Die politischen Wirren der Nachkriegszeit werden dafür sorgen, dass Deutschland in den folgenden Jahren auf eine Katastrophe ungeahnten Ausmasses zusteuern wird. 1919 kehrt Julius Hirsch zum Karlsruher FV zurück. 1925 beendet Julius Hirsch seine Karriere. Rund ein Jahr später wird für ihn der Abstieg beginnen.

… dann kompletter Absturz

Im Jahr 1926 geriet Julius Hirsch mit seiner Firma in wirtschaftliche Probleme. Dieser Abwärtstrend sollte anhalten und am Ende stand er ganz ohne Job da. In Frankreich arbeitete er Anfang der 30er Jahre in Illkirch-Graffenstaden als Trainer. Sein Versuch, einen Trainerjob in der Schweiz zu bekommen, schlug fehl.
Nun musste Julius Hirsch ganz bittere Erfahrungen machen. Nach 1933 mussten die deutschen Sportvereine ihre jüdischen Mitglieder ausschließen. Dann folgte im November 1938 die Kristallnacht und schließlich die Massendeportationen. Julius Hirsch wurde im März 1943 nach Auschwitz deportiert. Seine Ankunft im Lager wurde nicht erfasst, sodass davon ausgegangen werden kann/muss, dass er gleich nach seiner Ankunft im Lager ermordet wurde. 1945 wurde Julius Hirsch schließlich für tot erklärt. Das traurige Ende eines jüdischen Lebens.

Und danach …

Julius Hirsch-Str, KFV

Die Julius-Hirsch-Straße in der Nähe des ehemaligen KFV-Geländes

Von einer grundlegenden Aufarbeitung des Geschehenen, konnte nach dem 2. Weltkrieg keine Rede sein. Gestandene Nazis machten auch in der jungen Bundesrepublik Karriere (Justiz, Bundeswehr, etc.). Da waren auch die Sportverbände keine Ausnahme. Die Funktionäre weigerten sich, sich mit den Fakten auseinanderzusetzen. Ein schönes Beispiel für diese Ignoranz der Funktionäre liefert Autor Werner Skrentny hier im Buch in der Causa »Gottfried Fuchs«. Die DFB-Granden taten alles, um sich dieses unangenehme  Thema vom Hals zu halten. Einfach nur beschämend und peinlich.

In den letzten Jahrzehnten ist diesbezüglich sicherlich einiges aufgearbeitet worden. Sporthallen, Sportanlagen oder Plätze sind nach jüdischen Sportlern benannt worden. Im Fall Julius Hirsch betrifft das z. B. die Julius Hirsch-Sportanlage in Berlin-Charlottenburg oder die Julius-Hirsch-Straße an seiner alten KFV-Wirkungsstätte. Lippenbekenntnisse oder ehrliche Auseinandersetzung?
Das Buch von Werner Skrentny ist nicht nur eine Biografie des Fußballers Julius Hirsch. Es ist eine Nahaufnahme deutschen Lebens. Von der Wende zum 20. Jahrhundert bis zu dessen Ende und auch darüber hinaus. Wir fragen uns: Wie war so etwas möglich und erhalten doch keine wirklich plausible Antwort.

Werner Skrentny hat mit der Hirsch-Biografie ohne Zweifel Maßstäbe gesetzt. Wir Leser freuen uns mit Julius Hirsch über seine Erfolge und wir erdulden auch all die Erniedrigungen und Demütigungen, die diesem Sportler angetan werden. Am Ende wundern wir uns nur noch. Werner Skrentnys Buch sollte auf die Pflichtlektürenliste deutscher Schulen gesetzt werden. Intensiver und anschaulicher lässt sich diese Zeit nicht beschreiben.

 

Werner Skrentny Julius Hirsch Verlag Die WerkstattWerner Skrentny

Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet
Biografie eines jüdischen Fußballers

352 Seiten 13,9 x 21,2 cm, Hardcover, Fotos

ISBN: 978-3-89533-858-8

2. aktualisierte und überarbeitete Auflage 2016

24,90 €

eBook

19.99€

ca. 360 Seiten ePUB-Format, Fotos

ISBN: 978-3-89533-859-5 (ebook)

 

Foto Julius-Hirsch-Str.: Copyright edition Alaska