Ernst Happel – Genie und Grantler

Gerne erinnert sich der Chronist der 80er Jahre. Da kam »Wödmasta« Ernst Happel zum Hamburger SV. Von nun konnten »Die Sportschau« oder sogar »Das Aktuelle Sportstudio« zu echten Highlights werden. Unvergesslich die knarzigen und knurrigen Kommentare, die der Wiener den Journalisten anbot. Das hatte echt Unterhaltungswert. Kein weichgespültes Schönreden oder schönfärberisches Herumreden um die Dinge. Einfach nur kurz, knapp und voll auf die Zwölf. Genial! Egal, was er auch sagte oder wie er die Medien anging, sie konnten ihm nichts, denn Happel stand für Erfolg.

Beinahe »Wödmasta«

Ernst Happel war dem Chronisten schon lange vor seiner Hamburger Zeit »begegnet«. Halbfinale WM 1954: Als Jugendlicher las er von dem wahnsinnigen 6:1 der deutschen Elf gegen favorisierte Österreicher. Im Nachgang dieses Spiels wurden Happel und Torhüter Walter Zeman gar der Bestechung bezichtigt. Noch besser: Europacup der Landesmeister 1970. Das von Happel trainierte Feyenoord Rotterdam holt sich den Europacup der Landesmeister und im Anschluss auch den Weltcup.1976 und 1978 führte der Österreicher den belgischen Club FC Brügge in europäische Finals. Oder das WM-Finale 1978. Happel trainierte die Niederländer. Im Finale gegen Gastgeber Argentinien setzte Rob Rensenbrink den Ball Sekunden vor Schluss an den Pfosten. Aus zwei Metern Entfernung. Der Rest ist Geschichte. Dann wechselte Happel nach Hamburg. Europacup der Landesmeister, Deutscher Meister und 1987 holte der HSV noch einmal den DFB-Pokal, der letzte Titel – bis heute.  Swarovski Innsbruck war die nächste Station und auch dort durfte Happel Titel feiern. Schließlich folgte noch ein kurzes Gastspiel als österreichischer Nationaltrainer. Am 14. November 1992 erlag Ernst Happel in einem Innsbrucker Krankenhaus seiner Krebserkrankung. Vier Tage später, am 18. November traf die österreichische Nationalelf in Nürnberg auf Deutschland. Die Österreicher holten ein 0:0. Auf Happels Platz lagen eine Rose und seine Kappe.

»König Lungenzug in der Bundesliga«

Ernst Happel, SK Rapid Wien

Wien, Hanappi-Stadion, Spielertunnel: Rapid ehrt einen der Ihren

Ernst Happel war ein genialer Spieler und später ein ebenso genialer Trainer. Bei Rapid Wien spielte Happel u.a. mit dem sieben Jahre älteren Max Merkel zusammen. Freunde waren die beiden wohl nicht wirklich, aber dennoch existiert im SPIEGEL ein lesenswerter und amüsanter Artikel. Unter dem Titel »König Lungenzug in der Bundesliga« schreibt Max Merkel über Ernst Happel. Merkel attestierte seinem Mitspieler, er spiele »so Fußball wie Paganini Geige«. Über Happels Erfolge als Trainer schreibt Merkel: »Im Fußball ist er ein Unbelehrbarer, weil ihm keiner mehr was vormachen kann. Einmal kann der Zufall auch dem einfältigsten Trainer zu irgendeinem Siegspott verhelfen. Aber der Happel räumte überall ab. Das ist Können. Mit ADO Den Haag gewann er Hollands Fußballpokal, mit einer Mannschaft, die der Jupp Derwall zum Schweinehüten geschickt hätte. Mit Feyenoord Rotterdam ließ der Aschyl überhaupt nichts stehen. Er gewann die Meisterschaft, den Europacup und den Weltpokal. Dann ging er nach Brügge, wo einer wie er mehr im Kerker als im Erker gesessen hätte. Doch Happel wurde zweimal Belgiens Meister. 1978 trainierte er für 300 000 Mark Hollands Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Argentinien. Sie kam ins Endspiel. Den Titel verpaßte sie, weil Happel nur Stürmer mit zu eng aneinanderliegenden Augen hatte. Die sahen das Tor nicht«. Noch Fragen?

Happels langer Weg von ganz unten nach ganz oben

Autor Klaus Dermutz führt den Leser durch das aufregende Leben Ernst Happels. Von seiner schwierigen Kindheit in Wien bis hinauf in den Fußball-Olymp. Ganz oben. Sei der Fußball-Olymp nun in Rotterdam, Brügge oder Hamburg. Völlig egal. Der Erfolg war überall da. Neben den Fakten liefert der Autor auch immer wieder launige Anekdoten, die sich um Aschyl« (so wurde Happel aufgrund seiner Ähnlichkeit mit einem Schauspieler genannt) ranken. Schon allein die sind das Lesen dieses Buches wert.
Dazu hat der Autor eine schöne Fotosammlung zu Happels Leben zusammengetragen. Zwei Fotos seien an dieser Stelle besonders erwähnt: Ernst Ocwirk, ebenfalls ein österreichischer Weltklasse-Fußballer, der allerdings für die Austria spielte, unterhielt eine Tankstelle. Das Foto zeigt Happel und einige andere Fußballer, Ocwirk betankt einen Roller. Und trotzdem scheinen die Jungs gute Laune zu haben. Das müsste man sich heute mal vorstellen: Ronaldo führt im Nebenberuf eine Tankstelle. Messi, Suarez und Toni Kroos kommen vorbei, um ihre Roller aufzutanken. Einfach andere Zeiten. Das zweite Foto ergreift den Leser dann richtig. Es ist wohl eines der letzten, das von Happel entstanden ist: Völlig ausgezehrt und aufgefressen von seiner schweren Erkrankung.

Feyenoord oder Ajax?

Als Trainer holte Ernst Happel 18 Titel. Wim van Hanegem, der in Rotterdam unter Happel den Europacup der Landesmeister, den Weltpokal, zwei niederländische Meisterschaften und einen Pokalsieg holte, spricht heute noch voller Achtung von seinem ehemaligen Trainer. Der ehemalige niederländische Nationalspieler bescheinigte dem Österreicher, seiner Zeit weit voraus gewesen zu sein. Gibt es ein größeres Kompliment?
Anfang der 70er Jahre übernahmen die Niederländer die Führungsrolle im europäischen Fußball. Erst Feyenoord, dann Ajax. In der Regel wurde Ajax – schon allein aufgrund eines absolut genialen Johan Cruyff – als das größere Team der beiden angesehen. Doch ist es wirklich so einfach? Es gibt einen youtube.com-Beitrag über die Niederländer bei der WM 74. Darin kommt Wim van Hanegem auch auf dieses Thema zu sprechen und widerspricht dieser These. Ajax war nicht besser, Feyenoord war lediglich anders, soweit Wim van Hanegem. Einfach mal ansehen, lohnt sich, nicht nur für Freunde des niederländischen Fußballs.

Prater Stadion wird Ernst-Happel-Stadion

Dass nach Happels Tod das Prater Stadion in Ernst-Happel-Stadion umbenannt wurde, unterstreicht den Stellenwert, den Happel für den österreichischen Fußball hatte. Am Ende seines Weges wurde Happel – wie wir schon gelesen haben – doch noch Nationaltrainer in Österreich. Etliche Jahre zuvor war Happel schon einmal als österreichischer Nationaltrainer im Gespräch. »Ich bin zwar ein Patriot, aber kein Idiot«, soll der »Wödmasta« darauf geantwortet haben. Ganz Happel eben.
Das letze Wort an dieser Stelle soll Günter Netzer haben, der in Hamburg erfolgreich mit Ernst Happel zusammengearbeitet hatte. »Happel konnte jedem Spieler erklären, was er von ihm wollte. Nicht mit Worten, gesprochen hat er ja nicht. Seine Übungseinheiten waren so, dass es den Spielern in Fleisch und Blut überging«.

 

 

 

 

 

Ernst Happel, Verlag Die WerkstattKlaus Dermutz

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Genie und Grantler

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Foto Credits: Foto Ernst Happel, Spielertunnel, Hanappi-Stadion © edition Alaska